„Moscheen als Träger der gesellschaftlichen Verfasstheit“
Unsere Gesellschaft lebt von gemeinsamen Werten und von den Menschen und Institutionen, die diese Werte jeden Tag mit Leben füllen. Freiheit, Menschenwürde, Gleichberechtigung, Verantwortung und Solidarität sind nicht nur Grundsätze des Grundgesetzes; sie werden im Alltag durch Begegnung, Engagement und gelebtes Miteinander sichtbar. Unter dem Motto „Moscheen als Träger gesellschaftlicher Verfasstheit“ greift der Tag der offenen Moschee 2026 mehrere bedeutende Perspektiven auf: 30 Jahre Tag der offenen Moschee, 77 Jahre Grundgesetz und die gewachsene Rolle muslimischer Gemeinden und Institutionen in Deutschland. Das Motto lädt dazu ein, darüber nachzudenken, wie unsere freiheitliche und plurale Gesellschaft nicht allein durch Gesetze besteht, sondern vor allem durch Menschen, gesellschaftliche Räume und Institutionen, die Verantwortung übernehmen und das Gemeinwohl stärken. Moscheen sind seit mehr als sechs Jahrzehnten ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland. Sie sind Orte des Gebets und der Spiritualität, aber ebenso Orte der Bildung, Beratung, Jugendarbeit, Nachbarschaft, sozialen Verantwortung und des Dialogs. Hier entstehen Begegnungen, werden Brücken gebaut und Werte wie Respekt, Gerechtigkeit und Verantwortung praktisch gelebt. Der Prophet Muhammad (s) erinnert daran: „Jeder von euch ist ein Verantwortlicher, und jeder von euch wird für das verantwortlich sein, was ihm anvertraut wurde.“ Begegnung ist dabei von besonderer Bedeutung. Wo Menschen einander kennenlernen, weichen Vorurteile persönlichen Erfahrungen. Aus Gesprächen entsteht Vertrauen, aus Vertrauen wächst Beständigkeit, und aus Beständigkeit entwickelt sich gesellschaftlicher Zusammenhalt. Gerade in einer pluralen Demokratie ist dieser Austausch ein unverzichtbarer Beitrag zu einer freiheitlichen Ordnung in Vielfalt. Auch aus islamischer Sicht sind diese Werte tief verankert. Der Koran erinnert: „Allah gebietet Gerechtigkeit, Güte und Großzügigkeit gegenüber den Angehörigen; und er verbietet Schändliches, Verwerfliches und Gewalttätigkeit.“ (Sure Nahl, 16:90). Die islamische Tradition betont zugleich den Schutz der Würde des Menschen, Verantwortung für das Anvertraute sowie die Bedeutung verbindlicher Regeln für ein friedliches Zusammenleben. Im Zentrum all dessen steht die Würde des Menschen. Im Islam besitzt jeder Mensch eine von Gott verliehene Würde, die unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialem Status gilt. Diese Würde zu achten und zu schützen, gehört zu den grundlegenden ethischen Verpflichtungen des Glaubens und verpflichtet dazu, Gerechtigkeit zu fördern und Verantwortung füreinander zu übernehmen. Auch das Grundgesetz stellt die Menschenwürde bewusst an den Anfang und erklärt sie für unantastbar. Damit zeigt sich eine gemeinsame Grundlage: die Überzeugung, dass jeder Mensch geachtet, geschützt und in seiner Würde respektiert werden muss. Der Tag der offenen Moschee möchte zeigen, dass Moscheen Teil dieser tragenden gesellschaftlichen Infrastruktur sind. Sie leisten ihren Beitrag zu einer offenen und demokratischen Gesellschaft nicht nur durch Worte, sondern durch konkrete Arbeit vor Ort: durch Dialog, Bildung, soziale Verantwortung und gelebte Gemeinschaft. Wir laden alle Menschen herzlich ein, Moscheen zu besuchen, Fragen zu stellen und gemeinsam zu entdecken, wie Begegnung und gegenseitiger Respekt unsere Gesellschaft stärken.

Gelebte Verantwortung im Alltag Unsere islamischen Quellen verstehen Ethik nicht als Theorie, sondern als Verantwortung im Alltag. Zakat (Pflichtabgabe) und Sadaqa (freiwillige Spende) verbinden Solidarität mit konkreter Hilfe. Das Gebet gibt unserem Leben Struktur, das Fasten stärkt Mitgefühl. Ein Hadith des Propheten Muhammad (s) sagt: „Der Beste unter den Menschen ist der, der den Menschen am nützlichsten ist.“ Drei Haltungen sind uns dabei besonders wichtig: Die Absicht (niyya), damit Taten wirklich den Menschen dienen und nicht dem eigenen Ansehen. Die Selbstbeherrschung, die zeigt, dass wahre Stärke darin liegt, im Zorn gerecht zu bleiben. Und die Barmherzigkeit (raḥma), die daran erinnert, dass Hilfe immer die Würde des Menschen schützen soll. Einladung zum Tag der offenen Moschee

Mit dem Motto „Glaube als Kompass der Menschlichkeit“ möchten wir deutlich machen: gelebter Glaube trennt nicht, er verbindet. Er schafft Begegnungen, baut Vorurteile ab und öffnet Wege zu mehr Verständnis und Vertrauen. Am Tag der offenen Moschee laden wir alle herzlich ein, unsere Räume zu betreten, mit uns ins Gespräch zu kommen und den Islam aus nächster Nähe kennenzulernen. Es ist ein Tag, an dem Fragen gestellt, Gedanken geteilt und Gemeinsamkeiten entdeckt werden können.

Wir wünschen uns, dass dieser Tag ein Zeichen setzt – für Respekt, Menschlichkeit und Zusammenhalt. Jede und jeder ist willkommen, mit uns ins Gespräch zu kommen und mitzuerleben, wie Glaube Orientierung gibt und das Miteinander stärkt.

Tag der offenen Moschee: Begegnung und Austausch
Der Tag der offenen Moschee findet seit 1997 statt. Damit ist er eines der ältesten öffentlichen Angebote der Muslime in Deutschland und gehört zu den Highlights der Gemeindearbeit. Den TOM zeichnet aus, dass er Raum und Gelegenheit für Begegnung schafft, der im Alltag oft nicht vorhanden ist. Er ist eine besondere Gelegenheit, die Moschee und damit den Islam und die Muslime als Nachbarn näher kennenzulernen, voneinander zu lernen, Vorstellungen übereinander zu geradezurücken, und damit auch Vorurteile abzubauen, religiöse und kulturelle Vielfalt wertzuschätzen. 2007 hat der Koordinationsrat der Muslime (KRM) die Federführung für diesen Tag des Miteinanders und Kennenlernens übernommen. Jährlich kommen rund 100.000 Besucher in mehr als 1.000 Moscheen bundesweit zusammen. Die zahlreichen Begegnungen spenden allen Teilnehmern Hoffnung, Kraft und Zuversicht für das Miteinander in der Gesellschaft.